30.03.2021

Wegbereiter enormer Therapiefortschritte in der Neurologie

Chefarzt Prof. Dr. Henning Henningsen geht in den Ruhestand

Nach 18 Jahren und neun Monaten als Chefarzt der Klinik für Neurologie des Klinikums Lüneburg geht Prof. Dr. med. Henning Henningsen Ende März in den Ruhestand. „Das Lüneburger Klinikum ist ein besonderes Haus, in dem das kollegiale, lösungsorientierte und verlässliche Einverständnis auf Leitungsebene, die enge Zusammenarbeit aller Berufsgruppen und nicht zuletzt die kommunale Trägerschaft sich wie eine gemeinsame DNA positiv auswirken“, so Prof. Henningsen. „Ich gehe mit großer Dankbarkeit und hinterlasse die Klinik mit Freude meiner Nachfolgerin. Was mir fehlen wird, ist der offene vertrauensvolle Austausch mit den Patienten, auf den wir Neurologen in der Diagnose und Therapie so unmittelbar angewiesen sind.“

Der 65-Jährige blickt auf 40 Jahre Erfahrung in der Schlaganfalltherapie zurück, bereits seine Habilitation hatte er im Schlaganfallzentrum der Uniklinik Heidelberg angefertigt. „Es ist einfach unglaublich, wie sich die therapeutischen Möglichkeiten während dieser Zeit weiterentwickelt haben“, betont Prof. Henningsen. Über Jahrhunderte sei die Medizin nur in der Lage gewesen, die Ursachen und Symptome eines Schlaganfalls zu erforschen und die Folgen zu beobachten. Das änderte sich erst vor 19 Jahren mit Einführung der Lysetherapie, die die medikamentengestützte Auflösung des ursächlichen Blutgerinnsels ermöglichte. „Der Quantensprung in der Schlaganfalltherapie aber ereignete sich vor sechs Jahren: Die Thrombektomie, also die mechanische Entfernung des Blutpfropfens mithilfe der Kathetertechnologie, gibt insbesondere Patienten mit schwersten Schlaganfällen eine unfassbare Chance.“ Früher seien diese oft verstorben oder hätten nur mit schwersten Behinderungen überlebt, jetzt blieben nach erfolgreicher Behandlung oft nur geringe Beeinträchtigungen zurück. Am Klinikum Lüneburg werden etwa 50 Thrombektomien pro Jahr durchgeführt, seit November 2020 an einer hochmodernen Angiographieanlage.

Auch die Therapie anderer neurologischer Erkrankungen wurde wesentlich weiterentwickelt: „Ganz schwere Verläufe der Multiplen Sklerose, die ich als Assistenzarzt noch kennengelernt habe, sehen wir heute nicht mehr.“ Man wisse inzwischen auch, dass man viele demenzielle Erkrankungen durch gezieltes Trainieren der Nervenzellen verlangsamen oder ganz verhindern könne. „Dass ich all diese Entwicklungen sowohl in meinem Fachgebiet als auch hier in Lüneburg miterleben und -gestalten durfte, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit“, sagt Prof. Henningsen.

Geboren in Bonn und aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main studierte er Medizin in Gießen, Heidelberg und Lexington (Kentucky), USA. Die Uni-Kliniken in Heidelberg und Mannheim waren ebenso Stationen seiner ärztlichen Laufbahn wie ein mehrjähriger Forschungsaufenthalt und klinische Tätigkeit in Madison (Wisconsin), USA. Zuletzt war er Leitender Oberarzt an der Uniklinik Münster, bevor er am 01.07.2002 als Chefarzt in Lüneburg begann. Seine ersten Monate wurden durch den Umzug der Neurologie vom damaligen Niedersächsischen Landeskrankenhaus ans Städtische Klinikum Lüneburg geprägt: „Eine sehr spannende Zeit.“ Danach folgten der Auf- und Ausbau der heutigen Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie.

Dass all dies nicht ohne sein Team möglich gewesen sei, liegt Prof. Henningsen besonders am Herzen: „Ich hatte das große Glück, kompetente Ärzte nach Lüneburg zu holen und hier zu halten, obwohl Neurologen überall gesucht werden. Jeder meiner Oberärzte hat ein eigenes Profil und einen eigenen Schwerpunkt innerhalb der Neurologie.“ Da diese als Querschnittsdisziplin in der Medizin eine besondere Rolle spiele: „Nerven gibt es überall, jeder braucht den Neurologen“, sieht er seine Klinik auch in dieser Hinsicht zukunftsfähig aufgestellt. „Das Tüpfelchen auf dem i ist die Stadt Lüneburg, die mit ihrer Universität, dem kulturellen Angebot, der unvergleichlichen Innenstadt und vielem mehr ideale Vorteile für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie deren Familien bietet.“

Wegen der Corona-Pandemie konnte die Verabschiedung von Prof. Henningsen am Nachmittag des 26.03.2021 nur im kleinen Kreis geladener Gäste und Vertreter des Klinikums stattfinden. Prof. Dr. Torsten Kucharzik, Ärztlicher Direktor des Klinikums, bedankte sich unter anderem für die vielen Impulse, die Prof. Henningsen in der engen Kooperation mit der Klinik für Innere Medizin und dem ganzen Haus eingebracht habe. Seine Lust am lebenslangen Lernen und seine Ideen hätten immer wieder zu Verbesserungen geführt. Geschäftsführer Dr. Michael Moormann betonte, dass Prof. Henningsen sich auch insbesondere für die Aus- und Weiterbildung engagiert habe, zu seinen „Summer Schools“ kamen junge Neurologen aus ganz Deutschland nach Lüneburg.

Die Zeit ab April 2021 will Prof. Henningsen mit Ruhe und Gelassenheit auf sich zukommen lassen: „Ich freue mich darauf, keinen strikten Terminplan zu haben, mehr Freiheiten und Zeit für Freunde, die mich in allen Phasen meines Lebens begleiteten und unterstützten, sowie für meine Familie“, erzählt der verheiratete Vater dreier erwachsener Töchter. Sein Engagement für das Rotary-Club-Projekt „End Polio Now“ und ein Mutter-Kind-Zentrum in Kalkutta wird er fortsetzen. In seiner Rolle als medizinischer Sachverständiger werden Gerichte und Ärztekammer von seiner Expertise profitieren.

Am 1. April 2021 wird Prof. Dr. Waltraud Pfeilschifter als neue Chefärztin der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie und Nachfolgerin von Prof. Henningsen ihre Tätigkeit am Klinikum Lüneburg beginnen.