21.07.2022

»Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg erhält Auszeichnung als „Lernort für Demokratiebildung“

Der Niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat am Mittwoch, 20. Juli 2022, die »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg als „Lernort für Demokratiebildung“ ausgezeichnet. Kathrin Schaefer und Stefan Olmützer vom Vorstand des Trägervereins und Dr. Carola S. Rudnick, wissenschaftliche und pädagogische Leiterin der Gedenkstätte, nahmen den Preis im Bildungszentrum im „Alten Gärtnerhaus“ auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) in Empfang. „Uns bedeutet die Auszeichnung sehr viel. In Zeiten, in denen antidemokratische Strömungen kontinuierlich zunehmen, ist es von Bedeutung, regionale Gedenkstätten, Lern- und Begegnungsorte nachhaltig zu stärken, die neben dem Erinnern an vergangene Verbrechen auch für Teilhabe, Vielfalt, Inklusion und damit verbundene Werte im Jetzt und Hier stehen“, betont Rudnick. Auch PKL-Geschäftsführer Jan-Hendrik Kramer freute sich über die Anerkennung, denn sein Haus unterstützt die Gedenkstättenarbeit intensiv, unter anderem mit anteiligen Förderungen sowie der Bereitstellung von Gebäuden.

Die Gedenkstätte ist seit vielen Jahren ein lebendiger Lernort für Demokratiebildung, dessen nachhaltige Bildungsangebote nicht nur von Bezügen zur Gegenwart, sondern auch von einem hohen Maß an Teilhabe geprägt sind. Seit 2014 ist die Gedenkstätte unter anderem Anlaufpunkt für Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf sowie inklusive Schulklassen aus dem gesamten norddeutschen Raum. Die Gedenkstätte wird auch regelmäßig von Psychiatrie-Patient*innen, Heim- und Wohngruppenbewohner*innen und ihren Angehörigen besucht. Seit 2017 finden in der Gedenkstätte bis zu fünftägige deutsch-polnische Begegnungen zu den Themen „Menschenrechte“ und „Demokratielernen“ statt. Im August 2020 wurde das Bildungszentrum eröffnet, das ein Demokratielernen am historischen Ort unter besten Voraussetzungen ermöglicht. Dort können Schüler*innen nicht nur angeleitet werden, sondern auch eigenständig im pädagogischen Archiv zu Themen und Biografien recherchieren.

Die Einbeziehung junger Menschen in die Aufarbeitung der NS-Psychiatrie-Verbrechen ist ein zentraler Bestandteil der Bildungsarbeit der Gedenkstätte. Über 500 Pflegeschüler*innen beteiligten sich seit 2013 an der Erarbeitung von Sonderausstellungen und Publikationen, an Stolpersteinverlegungen und am Errichten von Gedenktafeln als lebende Beiträge zur Demokratiestärkung. Seit 2019 bildet die Gedenkstätte in Kooperation mit verschiedenen Schulen und der Geschichtswerkstatt Lüneburg »Schüler-Guides« aus, die einem »Peer«-Ansatz folgend für Einzelinteressierte und Gruppen Stadtrundgänge zum Thema »Lüneburg im Nationalsozialismus« anbieten bzw. durch Ausstellungen der Gedenkstätte führen.

Programme, die im Bildungszentrum der Gedenkstätte durchgeführt werden, sind »Die Würde des Menschen ist (an-)tastbar«, »Vielfalt achten, Teilhabe stärken. Lüneburger Inklusionsschulung« (gefördert über das ESF-Programm Inklusion durch Enkulturation) und »ENTSCHEIDEN«. Sie umfassen über 35 verschiedene Methoden und dazugehörige Materialien (Spiele, Quizze, Lern-Werkstätten etc.), die in interaktiven Workshops, ein- bis mehrtägigen Seminaren, Multiplikatoren-Fortbildungen und internationalen Begegnungsprojekten Anwendung finden. Diese Bildungsangebote werden jährlich von mehr als 1.000 Teilnehmenden wahrgenommen.

Für all diese Aktivitäten erhält die Gedenkstätte nun die Auszeichnung als „Lernort für Demokratiebildung“. Das damit verbundene Preisgeld in Höhe von 500 Euro investiert die Gedenkstätte in den Ausbau ihrer ›digitalen Lernumgebung‹. In dieser können Besucher*innen zukünftig auf interaktiven Medienstationen in einem eigenen Gedenkstätten-Wiki zu Einzelthemen und -biografien recherchieren, die mit den NS-Verbrechen vor Ort in Verbindung stehen. Dann wird auch erstmals eine Recherche in Datenbanken und Opferlisten möglich sein. Dieses Angebot führt weit über den seit 2021 existierenden virtuellen Ausstellungsraum www.geschichte-raum-geben.de hinaus, weil Besucher*innen so perspektivisch einen Vollzugriff auf die in der Gedenkstätte verfügbaren Informationen erhalten.