15.08.2014

„Den Opfer ein Gesicht, den Namen wieder geben“

Erweiterte Sonderausstellung zu zwölf Opfern der Lüneburger »Kinder-Euthanasie« und Einweihung von Informationstafeln zur Gedenk

Vor einem Jahr wurden sterbliche Überreste von zwölf Kindern bestattet, die 1941 und 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg ermordet wurden. An der Gedenkanlage auf dem Friedhof Nordwest, Am Wienebütteler Weg, 21339 Lüneburg, werden genau zwölf Monate später, am 24. August 2014 um 16 Uhr, von Manfred Nahrstedt, Landrat des Landkreises Lüneburg und Kreisvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, im Rahmen einer Gedenkfeier zwei Informationstafeln enthüllt. Im Anschluss wird um 17 Uhr die erweiterte Sonderausstellung »Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben« in der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ Lüneburg auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik, Am Wienebütteler Weg 1, 21339 Lüneburg, durch Bürgermeister Eduard Kolle eröffnet. Die Ausstellung ist den zwölf Kindern mit Präparate-Funden gewidmet und erzählt ihre Lebensgeschichten. Die Feierlichkeiten werden einmalige Veranstaltungen sein, weil bisher keine »Euthanasie«-Gedenkstätte für ein solches Vorhaben durch die Veröffentlichung von Namen und Lebensdaten auf die akribische Suche nach Angehörigen gegangen ist und bislang auch keine andere Einrichtung in dieser Konsequenz Schülerinnen und Schüler in die Aufarbeitung der Kindermorde einbezogen hat. Außerdem kommen Zeitzeugen, Überlebende und Familien von Opfern der »Euthanasie«-Maßnahmen in der sonst üblichen Forschung und Vermittlung kaum vor. Dass mit der Gedenkfeier, mit den Informationstafeln und der Sonderausstellung ein anderer Weg beschritten wird, hat daher weitreichende Bedeutung und begründet eine neue Sicht bei der Aufarbeitung von Psychiatrie- und Medizin-Verbrechen.

Die Informationstafeln wurden von Pflegeschülerinnen und Pflegeschülern des Klinikums Lüneburg im Rahmen einer Lüneburger Inklusionsschulung des Gedenkstätten-Projektes Vielfalt achten, Teilhabe stärken der Bildungs- und Gedenkstätte »Opfer der NS-Psychiatrie« erarbeitet. Die Schülerinnen und Schüler werteten Dokumente von Angehörigen und aus verschiedenen Archiven aus, rekonstruierten die ehemaligen Grablagen und trugen so zur Psychiatrie- und Friedhofsgeschichte bei. Die Tafeln informieren Besucher zukünftig über die ehemaligen Gräber der Kinder-Patienten, über die Präparate-Funde, über die Symbolik der Gedenkanlage und stellen Kinder-Biografien von Opfern beispielhaft vor. Möglich wurde diese Arbeit erst durch die breite Berichterstattung in verschiedenen Medien. Nur so gelang es in außergewöhnlichem Maße zu insgesamt inzwischen 70 Angehörigen von Opfern der Lüneburger »Euthanasie«-Maßnahmen Kontakt zu finden. Viele von ihnen kommen am 24. August 2014 nach Lüneburg, darunter auch die Geschwister von Erika und Margret Buhlrich sowie Rudolf Hagedorn, deren Geschichten sich auf den Tafeln wiederfinden.

Aber auch die Familien der Kinder, denen die Sonderausstellung »Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben« gewidmet ist, werden am 24. August 2014 erwartet. Die Ausstellung dokumentiert ihre Lebensgeschichten, zu denen anfangs nur 577 Gehirnpräparate und wenige Blätter aus den Sektionsunterlagen des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin Hamburg existierten. Pflegeschülerinnen und Pflegeschülern der Psychiatrischen Klinik Lüneburg rekonstruierten die Lebensverläufe der Kinder anhand von Akten und Berichten, verarbeiteten die Kinderschicksale zu eindrucksvollen Skulpturen, Collagen und Fotomontagen. Durch den Kontakt zu betroffenen Familien konnten in einem bislang einmaligen Umfang die Erinnerungen von noch lebenden Angehörigen und Zeitzeugen berücksichtigt werden. »Die Ausstellung dokumentiert schonungslos die Systematik und Brutalität des Mordens, das gesellschaftliche und medizinische Totalversagen, ermöglicht aber vor allem tiefe Einblicke in Familien, aus denen die Kinder herausgerissen wurden. Sie suchen noch heute häufig nach Antworten, die sie als Kinder nicht bekamen«, berichtet Dr. Carola S. Rudnick, wissenschaftliche und pädagogische Ansprechpartnerin der Bildungs- und Gedenkstätte bzw. Initiatorin und Leiterin des Projektes.

Bei der Ausstellungseröffnung betreten einige Angehörige zum ersten Mal den Ort, an dem ihre Brüder und Schwestern, ihre Cousinen und Cousins ermordet wurden In der Gedenkanlage finden sie erstmals einen Ort zum Trauern, ein Grab für ihre Toten. In einem Erzähl-Café haben sie sowohl untereinander als auch mit anderen Besuchern die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. »Indem wir die Erinnerung wach halten, wollen wir den Opfern wenigstens diese Würde wiedergeben«, sagt der Ärztliche Direktor der Psychiatrischen Klinik, Dr. Sebastian Stierl.

Da nicht alle Details in die gemeinsam mit den Schulungsteilnehmern erarbeiteten Informationstafeln und in die Sonderausstellung einfließen konnten, können Interessierte in einem 144-seitigen Ausstellungskatalog vieles über die zwölf Lebensgeschichten und die Hintergründe der Kinder- und Jugendlichen-»Euthanasie« in Lüneburg erfahren. Das Buch ist unter dem gleichnamigen Titel »Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben« ab dem 24. August 2014 im Buchhandel, bei der Landeszeitung für die Lüneburger Heide sowie in der Bildungs- und Gedenkstätte erhältlich. Die Ausstellung ist von 24. August bis 18. Oktober 2014 jeden dritten Samstag im Monat von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Auch Gruppenbesuche sind nach Absprache möglich.